Nachhaltigkeitsratings im Vergleich: CDP, EcoVadis, MSCI und mehr
Nachhaltigkeitsratings sind für viele Unternehmen zur Pflichtübung geworden, Kunden fordern EcoVadis-Scores, Investoren schauen auf MSCI- oder ISS-ESG-Ratings, und Beschaffungsrichtlinien verlangen CDP-Teilnahme. Dabei unterscheiden sich die Systeme erheblich in Methodik, Aufwand und strategischem Nutzen. Dieser Artikel erklärt die wichtigsten Ratings im direkten Vergleich.

Inhaltsverzeichnis
Überblick: Warum so viele Ratings?
Die Vielfalt der Nachhaltigkeitsratings ist das Ergebnis einer fragmentierten Marktentwicklung: Investoren, Beschaffungsabteilungen, NGOs und Regulatoren haben unabhängig voneinander Bewertungssysteme entwickelt. Es gibt heute mehr als 600 ESG-Ratings und Rankings weltweit, eine unübersichtliche Landschaft.
Die Konsolidierung schreitet voran: CDP, EcoVadis, MSCI und ISS haben sich als dominierenden Systeme in ihren Anwendungssegmenten etabliert. Parallel treiben EU-Regulatorik (CSRD, EU-Taxonomie) und ISSB-Arbeiten eine Standardisierung voran, die mittelfristig die Bedeutung einzelner privater Ratings reduzieren könnte.
Für Unternehmen stellt sich die Frage: Welche Ratings sind für mein Geschäftsmodell, meine Kunden und meine Investoren relevant? Welche bringen strategischen Mehrwert über die Compliance-Anforderung hinaus? Und wie manage ich den Aufwand, wenn mehrere Ratings parallel gefordert werden?
CDP: Das Klimarating
CDP (früher Carbon Disclosure Project) ist das weltweit führende System für Klimatransparenz. Jährlich beantwortet ein Unternehmen einen umfangreichen Fragebogen zu Klimarisiken, Emissionen (Scope 1, 2, 3), Klimastrategie und -zielen. Das Ergebnis ist eine Buchstabenbewertung von A (Leadership) bis D-/F (Non-Disclosure).
CDP ist primär investoren-getrieben: Institutionelle Investoren mit über 130 Billionen US-Dollar AUM nutzen CDP-Daten. Gleichzeitig haben viele Großunternehmen CDP-Teilnahme als Lieferantenanforderung in ihre Beschaffungsrichtlinien aufgenommen.
Der Aufwand für eine CDP-Antwort ist erheblich: Ein vollständiger Klimafragebogen umfasst mehr als 100 Fragen und erfordert valide Scope-1-, -2- und -3-Daten, eine dokumentierte Klimastrategie und Angaben zu Klimarisiken. Für ein erstes Engagement empfiehlt sich CDP Disclosure als Einstieg, eine vereinfachte Version für erstmalig Antwortende.
EcoVadis: Das Lieferantenrating
EcoVadis ist das meistgenutzte Nachhaltigkeitsbewertungssystem für Lieferketten. Es bewertet Unternehmen in vier Kategorien: Umwelt, Arbeit und Menschenrechte, Ethik und nachhaltige Beschaffung. Das Ergebnis ist ein Score von 0 bis 100 mit Medaillenrating (Bronze ab 45, Silber ab 55, Gold ab 65, Platin ab 78).
EcoVadis ist kein öffentliches Investoren-Rating, es ist ein B2B-Instrument, das über eine Plattform geteilt wird. Ein Unternehmen erstellt ein Profil, beantwortet einen Fragebogen und lädt Belege hoch. Kunden können über die Plattform zugreifen, ohne dass das beurteilte Unternehmen Informationen mehrfach liefern muss.
Der strategische Vorteil liegt in der Wiederverwendbarkeit: Ein einmal erstelltes EcoVadis-Profil kann mit beliebig vielen Kunden geteilt werden. Das reduziert den Gesamtaufwand erheblich. Schwäche: Die Bewertungsmethodik ist proprietary und nicht vollständig transparent.
MSCI ESG Ratings
MSCI ESG Ratings sind das führende System für kapitalmarktorientierte Unternehmen. Sie bewerten auf einer Skala von AAA bis CCC, wie gut ein Unternehmen wesentliche ESG-Risiken der jeweiligen Branche managt. MSCI nutzt öffentliche Daten, Unternehmensberichte und proprietäre Analysen.
Wichtig zu verstehen: MSCI ESG Ratings sind keine Performance-Ratings, sie messen Risikomanagement, nicht absolute Nachhaltigkeit. Ein Ölkonzern mit exzellentem Risikomanagement kann ein besseres Rating haben als ein Solarunternehmen mit schwacher Governance.
Für kapitalmarktorientierte Unternehmen ist das MSCI-Rating durch Investoren-Anforderungen faktisch verpflichtend. Unternehmen können keine direkte Kontrolle über ihre Bewertung ausüben, MSCI bewertet aus öffentlichen Informationen. Die beste Strategie ist ein gutes CSRD-konformes Reporting: Wer ESG-Daten vollständig veröffentlicht, liefert MSCI die Grundlage für eine faire Bewertung.
ISS ESG
ISS ESG (Institutional Shareholder Services) ist ein weiteres führendes Rating für kapitalmarktorientierte Unternehmen. Es kombiniert ein Corporate Rating (Prime/Subprime) mit spezialisierten Produkten für Klimarisiken, Governance-Analysen und Norm-Compliance-Screening.
Im Unterschied zu MSCI bietet ISS ESG Unternehmen einen Datenkorrekturdialog an: Vor der Veröffentlichung des Ratings erhalten Unternehmen die Möglichkeit, Datenfehler zu korrigieren. Das erhöht die Datenqualität und gibt mehr Einfluss auf das Ergebnis.
ISS ESG ist besonders stark im Bereich Governance-Analyse und wird von vielen europäischen institutionellen Investoren und Proxy-Advisors genutzt. Für Unternehmen mit aktivem Investor-Relations-Programm ist eine Auseinandersetzung mit ISS-Methodik empfehlenswert.
Weitere Ratings im Überblick
Neben den vier Hauptsystemen gibt es weitere relevante Ratings. Sustainalytics (Morningstar-Tochter) bewertet ESG-Risiken ähnlich wie MSCI und ist bei vielen europäischen Investoren etabliert. S&P Global ESG Score bildet die Grundlage für den Dow Jones Sustainability Index (DJSI), einer der renommiertesten Nachhaltigkeitsindizes weltweit.
Für spezifische Branchen gibt es eigene Systeme: In der Automobilindustrie hat Catena-X ein eigenes Supplier-Sustainability-System entwickelt. Im Baubereich sind BREEAM und DGNB für Gebäudezertifizierungen relevant. Im Lebensmittelbereich spielen Rainforest Alliance und Fair Trade eine Rolle.
Für Unternehmen in Österreich und Deutschland ist zudem die econsense-Initiative relevant, ein Zusammenschluss führender Unternehmen für gemeinsame Nachhaltigkeitsberichtsstandards und Best-Practice-Sharing.
Welches Rating ist das richtige?
Die Auswahl hängt von drei Faktoren ab: Kundenanforderungen, Investorenanforderungen und strategischem Nutzen. Für Unternehmen in B2B-Lieferketten ist EcoVadis fast immer relevant, es ist das meistgeforderte System in europäischen Beschaffungsprozessen. CDP wird von vielen Großunternehmen für Tier-1-Lieferanten gefordert.
Für börsennotierte Unternehmen sind MSCI und ISS ESG durch Investorenanforderungen faktisch gesetzt. CDP-Teilnahme ist für kapitalmarktorientierte Unternehmen ebenfalls Standard. Für nicht-börsennotierte Unternehmen ohne aktives Investor-Relations-Programm sind MSCI und ISS weniger relevant.
Beim Aufwandsmanagement gilt: Investieren Sie zuerst in eine solide CSRD-konforme Datenbasis, das ist die Grundlage für alle Ratings. Wer gute, vollständige ESG-Daten hat, kann CDP-, EcoVadis- und CSRD-Anforderungen mit erheblichen Synergien bedienen.
Fazit
Nachhaltigkeitsratings sind Mittel zum Zweck, nicht das Ziel. Wer ein starkes CDP-A-Rating hat, ohne eine zugrundeliegende Nachhaltigkeitsstrategie, hat kein Nachhaltigkeitsproblem gelöst. Der umgekehrte Ansatz ist nachhaltiger: eine solide ESG-Datenbasis aufbauen, Verbesserungen umsetzen, und die Ergebnisse dann in Ratings abbilden.
Sustainista begleitet Unternehmen bei der Rating-Strategie: von der Priorisierung über die Datenvorbereitung bis zur Fragebogen-Beantwortung für CDP und EcoVadis.
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